Barrierefreies
Internet hat zwar in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Beachtung gewonnen, trotzdem leidet Barrierefreiheit unter Nachwuchsmangel. Generationen von
Designern und Programmierern haben in der Vergangenheit ihre ersten multimedialen Schritte gemacht, ohne jemals von Barrierefreiheit und
Accessibility gehört zu haben. Auch heute, 2004 sieht die Situation nicht anders aus. Kaum eine
Hochschule hat das Thema
Barrierefreies Webdesign auf dem Lehrplan. Und so wundert es auch nicht, dass Barrierefreiheit oftmals erst durch Kunden angefragt werden muss, um bei Agenturen und Multimediadienstleistern ins Portfolio zu kommen - in der Regel zu spät. Denn Barrierefreiheit kann man nicht einfach so aus der Tasche zaubern, und Fachleute, die sich mit der Materie auskennen sind rar. Barrierefreiheit wird aber dennoch verkauft, weil der Kunde sich in der Regel noch weniger mit der Materie auskennt, als die Agenturen. Selbst Schulungen werden von halbwissenden Mitarbeitern zum Thema Barrierefreiheit gehalten, weil Schulungen ein durchaus wirksames Instrument zur Neukundengewinnung sind. Auf der Strecke bleiben der Kunde, die Glaubwürdigkeit von Agenturen und nicht zuletzt die barrierefreie Informationstechnik.
Und dabei kann man
Designern, Programmierern und Agenturen schwer einen Vorwurf machen. Das Problem ist mangelndes Bewusstsein, nicht Ignoranz. Wenn Hochschul-Professoren das Thema Barrierefreies
Internet - gerne auch unter dem Begriff 'Mensch-Maschine-Kommunikation' - auf ihren Lehrplan schreiben würden und als Basiswissen an ihre Studenten weitergeben würden, sähe die Netzwelt anders aus. Denn dann würde der studentische Nachwuchs an deutschen Hochschulen Barrierefreiheit als Grundvoraussetzung sozusagen mit der Muttermilch aufnehmen.
Barrierefreies Internet - Learning by Doing?
Die heutigen Anforderungen an
Designer und Programmierer in Agenturen sind hoch. Sie sehen sich plötzlich mit einer Aufgabenstellung konfrontiert, auf die sie niemand vorbereitet hat, und die vor allem im Wiederspruch zur gewohnten Arbeitsroutine steht. Zwischen Agenturchef, der auf dem Golfplatz wieder mal etwas verkauft hat, und Kunde, der in der Hoffnung einen Auftrag erteilt hat, dass wenigstens die Agentur weiß, wie Barrierefreiheit zu realisieren ist, sitzen dann
Designer und Programmierer und müssen die Lage retten. Das Ergebnis kennen wir.
Eine nicht barrierefreie
Internetseite im Nachhinein in ein barrierefreies Format zu bringen ist allerdings viel schwieriger, kosten- und zeitintensiver, als von vorneherein die gesamte Planung auf ein barrierefreies Ergebnis auszulegen. Das gleiche trifft übrigens auch auf das Lernverhalten von
Designern und Programmierern zu. Wer einmal gelernt hat in Tabellen oder den Möglichkeiten von Macromedia
Flash zu denken und zu arbeiten, dem wird das Umdenken viel schwerer fallen, als Studenten, die gerade ihre ersten Erfahrungen im
Webdesign machen. Nicht umsonst gibt es das schöne deutsche Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!
Nachwuchs an deutschen Hoch- und Fachhochschulen
Aufgrund der schwierigen Situation in vielen Agenturen haben wir vom Barrierekompass mal nachgesehen, wie es um den Nachwuchs in deutschen Hochschulen in Sachen Barrierefreie Informationstechnik bestellt ist. An über 70 Hoch- und Fachhochschulen haben wir per
E-Mail nachgefragt, welchen Stellenwert das Thema Barrierefreiheit (...) in der Ausbildung junger
Designer/innen hat. Von den ausgesuchten Hochschulen (
Design, Digitale Medien, Informatik, etc.) haben sich nur drei Hochschulen auf unsere Umfrage gemeldet. Der Dekan der Fachhochschule Düsseldorf
hat unsere Anfrage zumindest schonmal an das zuständige Referat weitergeleitet, von dem wir aber bisher nichts mehr gehört haben. Die Geschäftsfüherin der
FH-Kiel Fachbereich Multimedia Produktion ließ zumindest wissen:
Das Thema Barrierefreiheit befindet sich zur Zeit noch im Aufbau, wird aber künftig eine Rolle im Studium spielen. Wie groß diese sein wird, lässt sich noch nicht abschätzen
.
Die umfassendste Anwort erhielten wir von Herrn Prechtl, Verantwortlicher des Lehrfaches '
Human Factors' der Fachhochschule Potsdam:
In dem eben angesprochenen Fach werden die spezifischen Belange verschiedener Zielgruppen an das
Interfacedesign untersucht und behandelt. Dabei spielen die Aspekte der Barrierefreiheit nach W3C oder den Richtlinien der Bundesregierung eine wichtige Rolle. (...) Da wir aus der Sicht der Gestalter und nicht des reinen Programmieres (Technikers) uns dieser Aufgabe stellen, betrachten wir dies aber aus einem modifizierten Blickwinkel. (...) Anders ausgedrück suchen wir in experimentell-gestalterischen Einheiten nach Möglichkeiten, Einschränkungen mit Hilfe entsprechender gestalterischer Modifikationen zu kompensieren (...) und die Interaktion mit Mensch-Maschine-Schnittstellen stark zu vereinfachen (...). so ist eines unser Spezialfelder (Anmerkung der Redaktion: Siehe
www.leben-im-alter.net) die Entwicklung seniorengerechter
Interfaces (...).
Fazit
Insgesamt ist das Ergebnis der Umfrage ernüchternd. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass im Prinzip nur Hochschulen geantwortet haben, die sich entweder mit dem Thema Barrierefreiheit schon beschäftigen, oder zumindest in der Zukunft beschäftigen wollen. Alleine die Tatsache, das 95 Prozent der Befragten es überhaupt nicht für nötig hielten, auf unsere konkrete Frage zu antworten, lässt tief blicken. Wer also behauptet das Thema
Barrierefreies Internet sei angekommen, hat die Realität noch nicht erkannt.
Zur Zeit ist das Feld Barrierefreiheit immer noch einigen wenigen Spezialisten überlassen. Und wenn das Thema nicht Einzug in unsere Hochschulen erhält, wird das auch noch eine ganze Zeit so bleiben. Warum das so ist, haben wir vor einiger Zeit ja schon in dem Artikel '
Barrierefreies Internet ist ein alter Hut' beleuchtet.
Auf der anderen Seite konnten wir durch unseren
Barriere-Check in der Vergangenheit sehr wohl ein Interesse am Thema Barrierefreies
Webdesign bei Schulen und Hochschulen verzeichnen. Allerdings wohl eher von Studenten, als von Lehrplanverantwortlichen. Vielleicht muss der Druck ja tatsächlich erst von der Studentenschaft kommen, bis das Thema seinen Weg in die Lehrpläne findet.
Eine Liste der zum Thema befragten deutsche Hochschulen für Gestaltung und Digitale Medien finden Sie im
zweiten Teil des Artikels