Perspektiven für Reha und Pflege durch kommunikations- und hilfsmitteltechnische Neuerungen
Christian Bühler, Forschungsinstitut Technologie - Behindertenhilfe (FTB) der
Quelle: DVfR Kongress Oktober 2001
Aus unserem heutigen Leben ist die Anwendung von Technik kaum mehr wegzudenken. Neue Technologien werden uns täglich werbewirksam zum Gebrauch angeboten. Unsere Lebenswelten verändern sich dadurch ständig – ob wir dies als einzelne wollen oder nicht. Diese Chancen und Risiken betreffen uns alle und bieten darüber hinaus Perspektiven für Rehabilitation und Pflege. Die Konsequenzen für Menschen mit Behinderungen als Nutzer von Hilfsmitteln treten gewissermaßen verstärkt zu Tage. Einerseits ergeben sich durch den Einsatz neuer Technologien erhebliche Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Rehabilitation und Lebenssituation, beispielsweise durch:
- verbesserte Operationstechniken (z.B. Laseranwendung, minimal invasive Chirurgie)
- verträglichere und langlebigere Endoprothetik,
- neuartige Sensoprothetik (Ersatzlinsen, künstliche Retina, Cochlar Implantat),
- funktionelle Elektrostimulation (Neuro-FES),
- (intelligente) Hilfsmittel für den Alltag,
- computergestütze Anwendungen in Schule und Beruf,
- individualisierte Bedienoberflächen für generelle Anwendungen,
- telematisch unterstütze Dienste,
- Kommunikation über das Internet,
- e-Anwendungen (e-banking, e-commerce, e-entertainment,...), auch mobil.
Für das nächste Forschungsrahmenprogramm der EU besteht die Vision einer „intelligenten Umgebung“ (ambient intelligence) mit benutzerfreundlichen Anwendungen als Ziel vor Augen. Und wir alle träumen natürlich gerne mit.
Andererseits lehrt uns die Erfahrung, dass Technik Grenzen hat, dass alles seinen Preis hat und dass solche Innovation nicht aus sich heraus allen Mitgliedern der Gesellschaft die erwünschten Verbesserungen bringt. Wir sollten uns daher vor der Weckung falscher Erwartungen hüten. Nicht ohne Grund wird bei fast jeder Konferenz der Einsatz der Präsentationstechnik zum Problem. Nicht ohne Grund macht die Nutzung moderner Telefone vielen Schwierigkeiten. Im Bereich der Rehabilitation und Pflege ergeben sich weitere Probleme. Allzu deutlich sind uns die durch graphische Bedienoberflächen entstandenen Schwierigkeiten für blinde Programmierer, oder die Störungen von Handys in Hörgeräten noch vor Augen. Viele Geräte stellen hohe Anforderungen an die Sensorik, die (Fein-) Motorik und an die kognitiven Fähigkeiten der Benutzer. Und damit werden unmittelbar alle die ausgeschlossen, deren Fähigkeitsprofil nicht angemessen berücksichtigt wurde. So ist z.B. der größte Teil der Internetangebote für blinde Benutzer nicht nutzbar, oder kleinste Tastaturen auf Telefonen machen vielen älteren und behinderten Menschen den Gebrauch unmöglich. Spezielle Anpassungen sind oft aufwendig und laufen Gefahr, dass sie aufgrund der schnellen allgemeinen Entwicklung schon bei der Einführung technisch veraltet sind. Die Kosten für Anschaffung und die Unterhaltung vieler Geräte sind oft für die/den einzelne/n nicht finanzierbar und auch die Solidargemeinschaft tut sich schwer. Dies ist gerade bei der finanziell angespannten Situation vieler Menschen mit Behinderung ein besonderes Problem.
Es gibt daher einerseits echte Chancen, mittels Technikeinsatz das vorhandene Rehabilitationspotential besser auszuschöpfen und die Pflege und die Integration zu unterstützen. Dazu muß das Technologiepotential gezielt zur Unterstützung der Menschen mit Behinderungen genutzt werden, etwa durch spezielle Eingabehilfen, Softwareunterstützung, alternative Darstellungsformate und individuelle Anpassungen (Unterstützende Technik, Rehabilitationstechnik - Assistive Technology). Andererseits besteht die Notwendigkeit, menschenorientierte Technik allgemein einzufordern. Es muß darauf hingewirkt werden, dass neue Produkte möglichst schon so ausgelegt werden, dass sie unmittelbar für möglichst viele nutzbar sind oder zumindest eine einfache Anpassung ermöglichen (Design für alle, barrierefreies Design, universelles Design). Beide Zugänge zusammen können helfen, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft zu verbessern, soweit dies durch Technik überhaupt möglich ist. Dies wird in den vorgelegten Arbeitspapieren zum Bundesbehindertengleichstellungsgesetz unter dem Terminus Barrierefreiheit gefordert.
Neben solchen unmittelbaren Verbesserungen für die Menschen mit Behinderungen oder den auf Pflege angewiesenen Menschen verändern sich auch die Reha-Angebote und pflegerische Versorgung durch Technikeinsatz. Ambulante, wohnortbezogene Rehabilitation wird unter Benutzung von Telekommunikation und Datentransfer weiterentwickelt. Pflege und Betreuung zu Hause kann patientenzentriert z.B. über Videotelefonie unterstützt werden. Menschen mit erhöhtem gesundheitlichen Risiko können durch Risikoüberwachung und Notfallstrategien mehr Bewegunsgsfreiheit und Sicherheit auch unterwegs erhalten. Tele-Lernen und Tele-Arbeit ermöglichen Schritte der schulischen und beruflichen Rehabilitation auch bei Pflegebedarf. Bestimmte Formen der Assistenz (Übersetzung von Gebärdensprache, Unterstützung bei mentalen Problemen, etc.) kann ortsunabhängig (Assistent über UMTS-Handy) angeboten werden. Teletherapie und computerunterstütze Qualitätssicherung in der Rehabilitation sind weitere Beispiele. Diese Veränderungen können zu mehr Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Aktionsmöglichkeiten der Menschen in der Rehabilitation und Pflege führen. Effizienzsteigerung bei Beibehaltung oder Verbesserung der Qualität verbunden mit Kostenreduktion erscheint möglich.
Eines ist dabei jedoch heute schon klar: der wirkliche Nutzen der technischen Möglichkeiten ist gekoppelt an fundierte Inhalte und Methoden und die Akzeptanz bei den Reha-Anbietern und den Endnutzern. Dies erfordert eine genaue Sichtung und Prüfung, eine Weiterentwicklung von Methoden und Instrumenten, eine sorgfältige Implementierung, eine transparente Information der Beteiligten und deren adäquate Fort- und Weiterbildung. Wenn dies berücksichtigt wird - und nur dann - lassen sich die gewünschten Qualitätsstandards und Kostenaspekte realisieren.
Referenzen:
1. Bühler, Ch.: "Participation of Disabled and Elderly in the Information Society".
Study Report for the Scientific and Technical Options Assessment Unit of the European Parliament, Luxembourg, February 1996.
2. Bühler, Ch.: “ Ensuring Access for all - The Role of Telecommunications Systems for Elderly and those with Special Needs“, Study Report for the European Commission, in February 1999 under EC Contract No. 48442.
3. Soede, T.; e.a.:“Technology Trends and Future Perspectives within Assistive Technologies“, Study Report for European Commission, 2000 (http://www.cordis.lu./ist/ka1/special_needs/library.htm)
4. Bühler, Ch.; Knops, H. (edts): „Assistive Technology on the Threshold of the New Millennium“ Assistive Technology Research Series, Vol 6, , IOS-Press, Amsterdam, 1999, ISSN 1383-813-x
5. Bühler, Ch.: „Assistive Technology in Europe“, Proc. 15th Japanese Conference on the Advancement of Rehabilitation Technology, JCART 2000, Tokushima, Japan 2000
6. Simpson, R. (ed): “The AT Odyssey Continues“, Proc. RESNA 2001 Annual Conference, Reno, Nevada, USA, Vol. 21 ISBN 0-932101-43-7, RESNAPress, Arlington
7. Heck, H. e.a.: „Mobile Robotics and Automation in Healthcare and Rehabilitation, in Mobile Robotics in Healthcare, Assistive technology Research Series, Vol. 7, IOS-Press, Amsterdam, 2001, ISSN 1383-813x
8. „eEurope Initiative und Aktionsplan“, eine Zusammenfassung, FTB 2001, http://www.fernuni-hagen.de/FTB/ftb/unides/eeurope.htm
Mehr erfahren Sie unter:
http://www.ftb-net.de
Im Angebot der SDC seit 17.08.01 (tmu)
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- Mediennutzung durch Menschen mit Behinderungen / Aktivitäten für Menschen mit Behinderungen, Forschung, Neue Technologien
