Zur Rehacare 2001 veranstaltete die Firma Universum im Auftrag des BMWI eine Podiumsdiskussion zum Thema "Internet ohne Barrieren".
Hier gab Prof. Dr. Christian Bühler, der Leiter des Forschungsinstitut Technologie-Behindertenhilfe sinngemäß folgendes Statement ab:
Das heutige Internet ist ein Multi-Medium mit Text, Graphik, Audio, Video und Interaktion. Damit haben wir prinzipiell tolle Möglichkeiten.
Eine Behinderung ergibt sich aus einer schlechten Passung zwischen der Anforderung der Umgebung und den eigenen Möglichkeiten (und Wünschen).
Im Internet bedeutet das z.B.:
- niedrige Übertragungsraten, niedrige Bildschirmauflösungen, langsame Rechner machen aus dem WorldWideWeb ein Warten-Warten-Warten,
- wenn ich über Handy oder PDA surfe, habe ich kein großes (Farb-)Display,
- wenn meine Umgebung zu laut ist (oder mein Bürorechner keine Soundkarte hat) kann ich Tondokumente und Videos nicht hören, usw.
Vergleichbare Probleme treten auch bei Menschen mit Behinderungen auf:
immer wenn nur ein Medium eingesetzt wird oder Informationen im Multimedia nur monomedial angeboten werden, schließen wir potentielle Benutzer aus, bzw. wir behindern sie z.B. durch:
- Tondokumente - Menschen mit Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit
- Graphiken - Menschen mit Sehbehinderungen und Blindheit
- Video - beide Gruppen
Weitere Probleme sind beispielsweise:
- schlechte Seitentransparenz und komplizierter Aufbau - für Menschen mit geistiger Behinderung
- Zu enge Anordnung von Links und Buttons, etc. - für Menschen mit eingeschränkter Motorik, etc.
- Blinkende Graphiken oder Banner - bei Menschen mit lichtempfindlicher Epilepsie
Viele Leute mit ohne Behinderung haben übrigens auch Probleme mit schlechten Kontrasten oder Farbwahl, kleinen Schriften mit Serifen oder kursiv, Ladezeiten durch große Graphiken, Bildschirmauflösungen, Browserversionen, etc.
In Deutschland gibt es nach laut statistischem Bundesamt (Stichtag 31.12.1999) etwa 6,6 Millionen Menschen mit registrierter Behinderung zwischen 50% und 100% GdB. Das sind 8,1% der Bevölkerung (etwa jeder 12.)
Niedrigere Grade der Behinderung werden nicht statistisch erfasst, jedoch kann man aufgrund von Vergleichen mit andern Ländern davon ausgehen, dass sicher noch einmal mindestens soviel mit erheblichen Beeinträchtigungen dazu kommen: also etwa 16-20% oder 13 - 16 Millionen Menschen.
(Die Verteilung auf Männer und Frauen ist in etwa gleich.)
In einer groben Aufteilung auf die Behinderungsarten ist festzustellen, daß
57,2 % also über die Hälfte eine Körperbehinderung haben
14,7% eine geistige Behinderung haben
5% zur Gruppe der Sehbehinderten und Blinden gehören
3,8 % zur Gruppe der mit Hörproblemen bis zur vollständigen Gerhörlosigkeit gehören.
Die restlichen Prozente sind nicht so eindeutig zuordenbar.
Prinzipiell ist das Internet ein Medium mit großem Potential zur Integration von Menschen mit Behinderungen.
Nur der Zugang muß sichergestellt werden:
Zum Computer, zur Software, zum Content.
Wie das zu machen ist wissen wir auch:
- Technische Hilfen und Design - für -Alle (Computerzugang) und
- Zugänglichkeit etwa durch die Anwendung der WAI Content Richtlinien.
Die Anwendung dieser Richtlinien führt zu einem besseren Design und einer verbesserten Benutzbarkeit für alle inklusive der angesprochenen Gruppen von Menschen mit Behinderungen.
In einem Screening von Websites der öffentlichen Hand (Bund 46%, Länder 20%) bzw. von Informationsseiten (34%), das wir durchgeführt haben zeigt sich folgendes Bild (vorläufige Auswertung):
Nur 13% der Sites sind fehlerfrei, wobei die Bundessites mit 18% am besten abschneiden.
(geprüfte mittlere Tiefe ca. 48 Seiten, mittlere Fehlerzahl pro Seite: 2 von 3 fehlerhaft)
Häufigste Fehler sind
- das Fehlen von alternativem Text bei Graphiken
- keine Äquivalente für dynamische Inhalte
- Bildschirmflackern
- keine Textlinks bei Imagemaps
- kein title-Attribut für Frames
Das können wir verbessern. Ganz klar!
Ich möchte hinweisen
- auf die Initiativen der Selbsthilfe, die sich bereits dieses Themas in eigener Sache angenommen haben.
- Auf die Aktivitäten im Rahmen der europäischen Initiative eEurope/ eAccessibility, wo eine Kommunikation der europäischen Kommission zur Annahme der WAI Richtlinien in den nächsten Tagen an die Mitgliedsstaaten und das europäische Parlament geht
- Auf den Entwurf des Bundesbehindertengleichstellungsgesetztes (Stand 31.82001), der im § 10 Barrierefreie Informationstechnik, insbesondere Vorkehrungen für die öffentliche Hand anstrebt
Schlußfolgerung, was sollten wir tun:
- zunächst überhaupt die öffentliche Wahrnehmung herstellen, daß hier eine digitale Spaltung durch Unkenntnis der Web-Anbieter erst geschaffen wird. Und die Wahrnehmung, daß hier ein Marktpotential (6,6- 16 Mio Menschen) ungenügend erschlossen wird.
- dann eine Kampagne, die Anbieter mit dem "Handwerkszeug" zur Vermeidung dieser Spaltung auszurüsten.
- Angebote, zur Unterstützung und zum Monitoring der Umsetzung.
Diese Aktion wird hoffentlich ein Stück dazu beitragen, die Zugänglichkeit zum Internet für alle und für Menschen mit Behinderungen zu verbessern.