Öffnung des eisernen Vorhangs
Harald Hotze
Quelle: New World - Siemens Hauspublikation vom 01.01.01
Filigrane Technik: eine Taste des Schrift-Displays
Konzentriert und schnell tasten die Finger des Mannes über die Klaviatur des Rechners und setzen ihren Weg außerhalb des Keyboards über seltsame Leisten fort.
Der Mann scheint unter Dampf zu stehen; Laute, die Ungeduld ausdrücken, unterbrechen die Stille. "Ja, ja, ist ja gut, tu was", ruft er seinem Rechner zu. Der gehorcht; sein Meister quittiert die erbrachte Leistung mit einem indifferenten Schnaufen.
Immer wieder fordert er seine Software zu einem noch schnelleren Ritt durch das Internet auf. Die Sonne, die an jenem Dezembermorgen wie ein Scheinwerfer auf seinem Gesicht liegt, kann ihn nicht ablenken: Klaus-Peter Wegge, Informatiker am C-LAB, der Innovationswerkstatt von Siemens und der Universität Paderborn, ist blind.
"Manchmal empfinde ich richtige Wut über meine Behinderung", räumt er ein. Allerdings: "Darüber zu zetern ist nicht mein Metier."
Stattdessen hat der 41-Jährige Wut – und manchmal auch Verzweiflung – in Kreativität umgemünzt. Und diese Kreativität wird bei ihm zur Waffe in einem sehr persönlichen Kreuzzug, einem Kampf gegen die Ausgrenzung von Behinderten vom Internet.
"Wenn in einer Stadt ein Laden ein Schild mit der Aufschrift ‚Wir verkaufen nicht an Behinderte‘ anbringen ließe, dann wäre dies ein Skandal", sagt er. "Im Internet ist das Alltag."
Für Wegge ist das schon deswegen inakzeptabel, weil allein in Deutschland 650.000 Menschen, die nur noch über einen Sehrest von weniger als fünf Prozent verfügen, vom Internet profitieren könnten: Über Homebanking erhielten sie bessere Bankkonditionen; die Telefonauskunft wäre kostenfrei; Tickets für Reisen wären billiger. Wichtiger noch: Das Gefühl der Selbständigkeit, Dinge dann zu erledigen, wenn es einem passt, würde sich weitaus öfter einstellen.
Nun ist Wegge nicht der Typ, der so etwas einfach hinnehmen würde. "Dagegen kämpfe ich mit meiner ganzen Kraft", lässt er die Welt wissen.
Dies sind mehr als nur starke Worte, denn Wegge hat eine Waffe gebaut, die schon einige kräftige Breschen in die Mauern geschossen hat, die für Sehbehinderte den Zugang zum Internet versperren. Zehn Jahre mussten vergehen, endlose Versuche, jahrelange Dialoge "mit 20 Recken im Internet", die sich unterstützten – dann stand die Software. "Eine ernst zu nehmende Konkurrenz" zu seinem System ist Wegge nicht bekannt.
Für Sehende ist der Rechner, den Wegge ohne ersichtliche Mühe bedient, im wahrsten Sinne beeindruckend. Der Monitor bleibt dunkel; Wegge ertastet seine Informationen auf einem Display, auf dem der Sehende eine ständige Bewegung winziger Punkte wahrnimmt. Die textorientierte Software übersetzt die Informationen aus dem Internet in die Blindenschrift. Sie lassen sich auch in synthetische Sprache übertragen.
Trainierte Wahrnehmung
Die Blindenschrift der Informatiker unterscheidet sich jedoch von der, die Louis Braille im 19. Jahrhundert entwickelte. Während die gedruckte Braille-Schrift mit sechs Punkten pro Zeichen auskommt, arbeiten die Informatiker mit acht Punkten. 255 Zeichen lassen sich so umsetzen.
Auf dem separaten, mit dem PC verbundenen Blindenschrift-Display sind 640 dünne Taststifte in Achtergruppen nebeneinander angeordnet. Jeder Impuls aus dem PC senkt oder hebt die Stifte. Sie bilden ein Relief, das vom Blinden ertastet werden kann.
"Tasten ist ein fließender Vorgang, kein statischer", beruhigt Wegge den Besucher, der das Auf und Ab der Buchstabenpunkte nicht spüren kann. "Beim Tasten bewege ich immer die Hand", erläutert er. Mit der trainierten Sensibilität seiner Fingerkuppen erfühlt Wegge auch jene zwei Punkte, die die Position des Cursors und das Ziel der Navigation des Internet-Browsers anzeigen. Auch dafür hat Wegge ein Programm entwickelt.
Wegges Internet-Browser ist so ausgerichtet, dass er ausschließlich Texte aus dem Internet generiert. Alle Informationen und Verweise werden durchnummeriert. Das Programm ist schon allein deswegen sehr schnell, weil keine Bilder heruntergeladen werden müssen. "Von Fotos und schönen Grafiken", sagt Wegge, "habe ich naturgemäß nichts."
Wo Wegge nicht mehr fühlen will, da kann er hören. Schließlich hatte er sich schon früh auf Sprache und Klang im Bereich Multimedia spezialisiert, schon weil er seit seiner Kindheit gezwungen war, die Umgebungh über Laute zu identifizieren. "Optisch ausgerichtete Menschen haben es nicht gelernt, das akustische Umfeld richtig auszuwerten", sagt Wegge.
Sein besonders geschulter Hörsinn hat ihn gelehrt, "dass jede Stadt ihre eigene Akustik hat". Wegge beurteilt Menschen auch nach deren Stimmenmodulation. Und wenn er ein Konzert besucht, hört Wegge auch, sobald ein Notenblatt gewendet wird. "Nicht weil ich blind bin, sondern weil ich mein Gehör trainiert habe", betont er.
Training ist das Schlüsselwort seiner Lebensphilosophie, und so versucht Wegge auch jeden Tag, einen klingelnden Ball zu fangen, "Sie würden sich wundern, wie oft das gelingt", bemerkt er nicht ohne Stolz.
Beendete Ausgrenzung
Wegge ist auch Fachmann für Audiodesign, das beweist sein Computer. Roboterstimmen schaffen ein buntes, klanglich nicht gerade schönes Hörbild, das an die Stelle von Grafiken tritt. "Melodische Sprachprogramme sind zum Vorlesen da. Ich aber will Fehler hören; Melodik verschleift Fehler", sagt er und sucht deswegen in seinen Sprachprogrammen vor allem Präzision und Schnelligkeit. "Ein Wort, ein Satz zurück, das muss am Computer schnell gehen."
Das mag alles sehr kühl professionell klingen, in Wirklichkeit empfindet Wegge sein Rechnerprogramm als Symbol für seine eigene Lebensgeschichte. Und die ist der Nachweis, "dass ich meinen Platz in dieser Welt ganz gut einnehmen kann".
Die Kosten für den von ihm konstruierten blindenspezifischen Rammbock gegen die Beschränkungen des Internets beziffert Wegge auf rund 30.000 Mark. Das ist viel Geld, und deshalb ist er "froh, dass Siemens die Software kostenfrei zum Herunterladen ins Internet stellt".
Derweil zielt Wegges Feldzug gegen die Ausgrenzung der Behinderten vom modernen Leben längst auf neue Schauplätze. Seit Oktober 2000 leitet er im Paderborner C-LAB eine kleine Gruppe von Fachleuten, die Siemens-Geräte schon in der Entwicklung auf ihre Freundlichkeit für Behinderte prüft. Grundlage der Gruppe für accessibility competence sind wirtschaftliche Motive. Amerikanische Gesetze für Behinderte haben zum Beispiel IBM veranlasst, 120 Menschen mit der Prüfung der Nutzerfreundlichkeit ihrer Geräte sowie der Entwicklung von Hard- und Software für Behinderte zu beschäftigen.
"In Europa sind ähnliche Gesetze auf dem Weg", sagt Wegge, der von der Brüsseler EU-Kommission häufig zur Beratung hinzugezogen wird. Die neuesten Mobiltelefone von Siemens etwa weisen schon Charakteristika für Behinderte auf, für die sich die Truppe um Wegge stark gemacht hat.
Ob Bedienung von Geräten oder Zugang zum Internet – für Wegge sind bessere Lebensumstände für Behinderte "nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem". Wer den Mann beobachtet, ahnt, wie einsam er sich manchmal mit seiner Mission fühlt.
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